Personalmangel, Überalterung, fehlender Nachwuchs und leere Kassen – Österreichs Gerichtsmedizin steht mit dem Rücken zur Wand. Experten schlagen Alarm: Verbrechen könnten künftig unaufgeklärt bleiben!
Bei einer brisanten Pressekonferenz am Freitag zeichnete Ärztekammer-Präsident Johannes Steinhart ein düsteres Bild: Über Jahrzehnte sei die Gerichtsmedizin „schrittweise demontiert“ worden. Die Folge: Massive Verzögerungen bei der Aufklärung von Gewaltverbrechen – in manchen Fällen sei sie sogar unmöglich geworden.„Institute konsequent ausgehungert“Besonders dramatisch: „Die Institute und vor allem die Ausbildung wurden konsequent ausgehungert. Die Ärztekammern haben dabei stets davor gewarnt, dass man damit sehenden Auges in einen existenziellen Mangel an Gerichtsmedizinern schlittert“, beklagt Steinhart.Rechnungshof bestätigt AbsturzJetzt ist genau das eingetreten. Ein aktueller Bericht des Rechnungshofs bestätigt den Absturz eines einstigen Vorzeigefachs. Die Zahlen sind erschreckend: In Wien dauert ein Obduktionsgutachten im Schnitt 152 Tage, in Graz immerhin noch 77 Tage. Teilweise hängt die gesamte Arbeit an nur einer einzigen Person. Fällt diese aus – etwa wegen Krankheit oder Urlaub – steht alles still!Steinhart fordert daher klare Maßnahmen: Das Berufsbild müsse attraktiver werden, gleichzeitig brauche es dringend mehr Geld für die Ausbildung. Denn Interesse am Fach gäbe es durchaus – doch viele scheitern an fehlenden Ausbildungsplätzen. „Es nützt nichts, wenn wir Interesse an diesem spannenden Fachgebiet erzeugen, die Interessenten aber dann vor verschlossenen Türen stehen, weil niemand die Ressourcen hat, um sie auszubilden“, so der Ärztekammer-Präsident. Nur ein Gerichtsmediziner ist unter 35Auch Mario Darok, Präsident der Gesellschaft für Gerichtliche Medizin, bestätigt die dramatische Lage: Österreichweit gibt es gerade einmal 37 Fachärzte – mit einem Durchschnittsalter von über 53 Jahren. Die Hälfte der aktuell tätigen Spezialisten geht in den nächsten zehn Jahren in Pension. Der Nachwuchs? Kaum vorhanden. Unter 35 Jahren gibt es aktuell nur einen einzigen Gerichtsmediziner!Gleichzeitig steigt die Arbeitsbelastung massiv. Gewaltambulanzen melden immer mehr Fälle: In Wien rund 1000 pro Jahr, in Graz etwa 500 – Tendenz steigend. Die Gerichtsmedizin wird zunehmend „klinischer“, die Anforderungen wachsen.Doch die Strukturen halten nicht mit. Die Ausbildung ist nur an Universitätsinstituten möglich – und genau dort fehlt es an Ressourcen und Stellen. „Die Bedingungen dort müssen weiter verbessert werden, in erster Linie die Zahl der Ausbildungsstellen, dies in enger Abstimmung mit den Bundesländern“, sagt Gerichtsmediziner Darok.Nachbarland Italien gilt als VorbildEin Vergleich mit Italien macht die Misere deutlich: Allein in Bari werden 45 angehende Gerichtsmediziner ausgebildet – betreut von zwölf Fachärzten. In Pavia sind es 34 Nachwuchskräfte bei nur 71.000 Einwohnern. Zahlen, von denen Österreich nur träumen kann.Jetzt herrscht dringender HandlungsbedarfDie Experten sind sich einig: Jetzt muss dringend gehandelt werden. Mehr Ausbildungsplätze, bessere Finanzierung und internationale Anerkennung der Abschlüsse könnten helfen, die Krise zu entschärfen. Denn eines ist klar: Ohne ausreichend Gerichtsmediziner gerät die Rechtssicherheit ins Wanken.Oder, wie Steinhart warnt: „Wir müssen jetzt handeln, um den Kollaps der forensisch-medizinischen Begutachtung in Österreich abzuwenden.“
„Kollaps abwenden“ – Warum Verbrechen bald unaufgeklärt bleiben könnten 2026 IUSTITIA.BG – Investigations 2009-2025 2026-03-27 09:36:54
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