«Es ist halt Mittwochnachmittag und Badewetter», meint Erika Bänziger, Mitarbeiterin der Gemeindebibliothek Teufen, lakonisch und wartet gespannt. Um 14 Uhr sind es dann doch vier Kinder, die sich für die Schatzsuche interessieren. Zwei können schon lesen, zwei noch nicht. Alle vier lassen sich schnell mitnehmen auf die Reise in die Welt der Wörter und Bilder.
Bänziger ist eine gute, gewiefte Erzählerin, kommt mit den Kindern schnell ins Gespräch, und das Bilderbuch, das sie erzählt, tut ein Übriges. Es beginnt mit einem Paukenschlag. Oscar findet eine Schatztruhe. Als er sie öffnet, ist er enttäuscht: Nichts als Wörter. Dann findet er aber heraus, welche Kraft in ihnen steckt, was sie alles zum Erblühen bringen können. Wörter von «morgenheiter» bis «pompös». Irgendwann ist die Kiste dann leer. Was jetzt? Oscars Freundin Luise gibt ihm einen Tipp: «Schau dich um, dann entdeckst du überall Wörter, und du selbst kannst Wörter erfinden – mach’s einfach.»
Inspiration von einer Primarlehrerin
«Oscar und der Wortschatz», heisst das Bilderbuch. Es erschien erstmals 2024 und wurde zum Bestseller: 2025 wurde bereits die 10. Auflage gedruckt. Gezeichnet und geschrieben hat es das Illustratoren-Duo Rebecca Gugger und Simon Röthlisberger. Die Idee kam von einer befreundeten Primarlehrerin, erzählten sie in einem Interview: «Sie unterrichtet Deutsch als Zweitsprache und begegnet immer wieder Kindern, die für alltägliche Dinge gar keine Worte haben. Oft sei ihnen gar nicht bewusst, wie ‹reich› sie wären, wenn sie einen grösseren Wortschatz hätten. Wir fanden diese Idee vom ‹Wortschatz› ganz wunderbar. Sprache ist ein so grundlegendes Thema im alltäglichen Leben. Sprache ist sich ausdrücken, sich begegnen, ist die Verständigung zwischen dir und mir – ist Leben teilen.»
Lust auf Wörter- und Satzwelten
Oscars Abenteuer vermitteln damit allerlei von dem, was im Fokus des Schweizer Vorlesetags steht – ohne den pädagogischen Zeigefinger. Der nationale Aktionstag will zeigen, wie wichtig und schön Vorlesen und damit auch Erzählen ist. Er will Lust auf Wörter- und Satzwelten wecken – bei den Kindern und Jugendlichen, aber auch bei den Eltern, Verwandten oder Lehrpersonen. Vorlesen fördere die Kinder in ihrer schulischen Entwicklung, stärke ihre mentale Gesundheit, sagt Erika Bänziger. Und wenn man die Begeisterung fürs Lesen früh wecke, steige die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder später dabei bleiben.
Am Schluss der Veranstaltung in der Gemeindebibliothek Teufen erhalten sie aus einem alten Koffer ein Andenken, das ihnen dabei helfen soll: eine Art goldenen Bierdeckel, auf dem zwei besonders interessante Wörter stehen. Die restliche Fläche ist frei für das Eintragen eigener Wortschätze – ob aus einem Buch oder Film, ob aus dem eigenen Dialekt oder der eigenen Fantasie. «Dürfen wir auch zwei mitnehmen?», fragt einer der Mädchen. Bänziger verneint: «Für jedes Kind gibt’s nur eins.» Das Mädchen entgegnet: «Es sind aber nur wenige Kinder da.» Doch Bänziger pariert ebenso schlagfertig: «Wir wissen aber nicht, wie viele Kinder beim zweiten Durchgang kommen werden.»
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Wörter können echte Schätze sein 2026 IUSTITIA.BG – Investigations 2009-2025 2026-05-31 10:48:00
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