Der Kalender zeigt den 22. August, Samstagmorgen. Es tagt allmählich, der Himmel wird heller und rosafarbene, leicht verzupfte Wölkchen zieren ihn. Wer als Helfer zum «Öberefahre» unterwegs ist «i d’Potersalp» oder dort als Senn bereits seine Arbeit tut, geniesst dieses Schauspiel. Auch ein paar Velofahrer und Wanderer sind in den frühen Morgenstunden schon unterwegs. Laut Wetterbericht darf man sich auf einen angenehmen Sonnentag freuen, nur wenige letzte Wolken ganz in den Bergen seien noch möglich.
Plötzlich wechselt das Licht und ein grosser Regenbogen spannt sich über ganz Potersalp, ein atemberaubender Anblick. Doch schon machen sich eben diese letzten Wolken bemerkbar: Die besondere Lichtstimmung verschwindet, es wird dunkelgrau und Regen fällt. Gerade hat sich Rolf Zeller mit seinem Senntum auf den Weg gemacht, bereits beim «Ondere Flumm» kommen sie in den Regen. Ein Velofahrer spielt sozusagen Alpkurier und bringt die Schirme, die die Bäuerin in weiser Voraussicht stets griffbereit hat. Während Zeller und seine Leute die Schirme aufspannen, wollen die Geissen kurzerhand rechtsumkehrt machen und wieder zurück auf ihre Alp «träbele». Der «Gäsbueb» und die «Gäsmeedl» verhindern ihre Flucht aber erfolgreich und schon geht es in gemächlichem Schritt talwärts.
Trittsicher trotz Nässe
Auf der Alp «Chliidreihötte» ist es noch ruhig. Beni Nef aus Steinegg wartet mit dem «Abloh» zu, bis der Regen nachlässt. Beim «Beepe» hingegen herrscht ruhige Aufbruchstimmung. Die Läden der Hütte sind bereits verschlossen, einer holt die Ziegen aus dem oberen Stall, während der Vater und der grosse Bruder im Stall die Kühe bereitmachen. Währenddessen hört man Senntumsschellen – Sepp Oertle marschiert mit seiner Herde querfeldein der Chammhalde zu. Da sind flinke und trittsichere Beine bei den Sennen und «Gäsbuebe» gefragt. Vor allem Letztere springen mühelos die stotzigen Weiden mit den vielen Kuhlöchern hinauf und hinunter. Niemand beklagt sich über die Nässe, zu sehr ist diese in der letzten Zeit vermisst worden. Und sie passt sogar irgendwie zur Stimmung des Abschiednehmens. Zudem scheint es, als würden Schellen und «Schölleli» anders klingen als im Frühling bei der Ankunft.
Die Alpwiesen sind abgegrast, aber doch noch recht grün. Und kleine, braune «Hüffeli» verleihen ihnen ein getüpfeltes Bild. Es sind sauber aufgeschichtete Kuhfladen, die eingesammelt worden sind. Später werden diese gleichmässig mit der Mistgabel verteilt. «Tumme» ist der träfe Ausdruck dafür, und «schö tumme» will gekonnt und gelernt sein.
Fachsimpeln am Strassenrand
Während die Innerrhoder Potersalp-Sennen Richtung Lehmen unterwegs sind, geht es für die Ausserrhoder Urnäsch zu. Die dunklen Wolken im Rücken, den Blick talwärts gerichtet, wird es immer sonniger. Immerhin hat es in den letzten Tagen doch schön geregnet, was die Wälder und Wiesen wieder etwas frischer und ein bisschen hoffnungsvoller erscheinen lässt.
Verkehrsreicher wird es allerdings auch, je weiter hinunter man kommt. «Da goht scho, mä mos halt e chli uffenand luege», meint ein Senn. So achten die Sennen beflissen darauf, dass immer mal wieder Autos vorsichtig überholen können. Die entgegenkommenden Automobilisten warten meistens geduldig am Strassenrand und geniessen das prächtige Schauspiel. Je näher die Sennen den Dörfern kommen, umso grösser werden auch die Zuschauermengen, es bilden sich richtige Scharen. Viele ältere Bauern treffen sich gar jedes Jahr an der gleichen Stelle. Die Wartezeit bis zum nächsten Senn überbrücken sie mit Fachsimpeln, denn das Interesse am Bauernstand bleibt ein Leben lang in ihren Herzen.
Dazu zeigt sich das Wetter inzwischen in bester «Öberefahrlaune», was die Sennen – wie so gern gehört – singen und zauren lässt. Selbstverständlich erfreut auch das «Usehäbe» jedes Mal. Citro pur oder mit einem Spritzer Wein, aber auch Bier für Durst und Stimme wird sehr geschätzt, hin und wieder ein trinkwarmer Kaffee tut wohl. Schnell wird getrunken und mit einem herzhaften «Vegöltsgott» geht es eilends weiter.
Zufriedenes Glück, wenn Mensch und Tier dann wohlbehalten den heimischen Hof erreicht haben. Die Kinder entledigen sich ziemlich bald der Socken und Schuhe. Dabei wollte die Grosi doch grad noch ein schönes Foto machen…
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Den Aufbruch mit einem Regenbogen eingeläutet 2026
IUSTITIA.BG – Investigations 2009-2026 2026-08-27 10:01:13
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