Wie würde Wien wählen, wenn am kommenden Sonntag Nationalratswahl wäre? Laut einer aktuellen „Krone“- Umfrage wäre erstmals die FPÖ vor der SPÖ. Also hat sich die „Krone“ zum Mai-Aufmarsch am Rathausplatz unter den Genossen umgehört. Trotz Prachtwetter und langem Wochenende strömten die Massen zum Rathaus. Die Stimmung: ausgelassen – mit leisen Untertönen.
Der Rathausplatz gehört am 1. Mai den Roten. So weit das Auge reicht: ein Meer aus Karmesin. Tausende Fahnen, rote Westen, Transparente – und vor der Kulisse des Burgtheaters drängen sich Zehntausende in der warmen Frühlingssonne. Wer zu Fuß kommt, merkt schon früh – heuer zieht der 1. Mai wieder.Dass ausgerechnet das Wetter zum Problem werden könnte, hatte in der Wiener SPÖ manchen nervös gemacht. Ein langes Wochenende, strahlender Sonnenschein – da liegt der Ausflug ins Grüne näher als der Aufmarsch in der Stadt. Doch die Sorge erwies sich als unbegründet. Gerade der Feiertag lockte Familien in Scharen auf den Platz. Väter tragen Kleinkinder auf den Schultern, Säuglinge schlafen im Arm ihrer Eltern, Chihuahuas werden herumgetragen. Der Platz ist voll und bunt.Zwischen roter Fahne und stiller SkepsisUnter den Tausenden fällt Reinhard auf: Er kommt aus Tirol, ist eigentlich Grün-Wähler – und trotzdem hier. „Wir machen alle Jahre einen Wien-Ausflug. Dass der auf den 1. Mai fällt, war Zufall“, erzählt er mit einem Schmunzeln. Dann aber wird er ernst: „Ermutigend, dass so viele kommen – auch, obwohl es ein langes Wochenende ist.“ Den Anblick des vollgefüllten Platzes findet auch er beeindruckend: „Im Moment geht vieles in Richtung totalitärer Systeme. Da ist es schön, wenn man hört, wie man hier das Sozialwesen über den persönlichen Vorteil stellt.“Nicht weit von ihm: David (35) und Franziska (28). Zwei junge Wiener, die schon mehrmals als Besucher beim Tag der Arbeit beim Rathaus vorbeischauten. „Es ist wichtig zu sagen: Man interessiert sich für Politik“, sagt David. Politikverdrossen? Nein – auch wenn vieles besser laufen könnte. Franziska bringt es auf den Punkt, als das Gespräch auf die jüngste Umfrage kommt – erstmals liegt die FPÖ darin in Wien vor der SPÖ: „Diese Negativpolitisierung, die die FPÖ macht – gegen alles sein, aber für nichts im Konkreten –, findet einfach einen breiteren Konsens.“Partei lässt zuviel liegenMichael (58) und Esther (57) kommen nicht jedes Jahr – aber wenn das Datum passt, gehört der Rathausplatz dazu. Sie sind keine Parteimitglieder. Trotzdem. Die jüngste Umfrage bereitet Michael Kopfzerbrechen: „Natürlich macht das große Sorgen.“ Was er fordert: Offensivität. „Die Kanäle nutzen, die die FPÖ seit Jahren aktiv und erfolgreich für sich beansprucht.“ Klare Ansagen. Keine Scheu. Seine Esther ergänzt knapp: „Die Aussagen der FPÖ sind leicht widerlegbar. Man braucht sie nur aufzeigen.“ Das Problem, sind sich beide einig: Die Partei lässt zu viel liegen.Unerwünschte Plakate, erwünschte HarmonieWer an diesem Tag mit einem kritischen Plakat erscheint – zur Lobau, zu Kürzungen bei der Mindestsicherung –, erlebt eine höfliche, aber unmissverständliche Reaktion: Sicherheitspersonal und Polizei komplimentieren die unerwünschten Transparente weg. Protest ist nicht vorgesehen. Die Stimmung soll stimmen.Von der Bühne: Klare Worte, klare FrontenVon der Bühne kommen derweil klare Botschaften. Bürgermeister Michael Ludwig setzt die Grenzen: „Mit so einer Partei, mit so einer FPÖ können wir keine Koalition machen. Da spreche ich für Wien.“ Vizekanzler Andreas Babler legt nach: „Patriotisch ist nicht, wer am lautesten Österreich schreit. Patriotisch ist, wer jeden Tag dafür arbeitet, dass es endlich wieder besser geht.“Unten auf dem Platz nicken manche. Andere hören zu, verschränkte Arme, nachdenkliche Blicke. Einig ist man sich in einem: Dieser Tag gehört Wien. Und Wien – das lässt sich an diesem 1. Mai kaum bestreiten – ist rot.
„Krone“ unter Genossen – Wien feiert den Mai – doch Zweifel marschieren mit 2026 IUSTITIA.BG – Investigations 2009-2025 2026-05-01 17:05:07
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