Nach der Festnahme des ehemaligen BND-Chefs August Hanning liegt vieles im Dunkeln, auch eine Spur nach Russland wird vermutet. Der Geheimdienstexperte Dieter Bacher zeigte sich im Gespräch mit der „Krone“ sicher: „Die Geschichte wird noch viel weitere Kreise ziehen.“
Die Informationsbasis ist nach wie vor sehr dünn – entsprechend komplex gestaltet sich eine Einschätzung über die möglichen Folgen des jüngsten Spionage-Thrillers, der Deutschland aktuell in Atem hält. Dem heute 80-jährigen Hanning wirft die Bundesanwaltschaft geheimdienstliche Agententätigkeit, landesverräterische Ausspähung, Auskundschaften von Staatsgeheimnissen und versuchten Landesverrat vor.Konkret könnte der Ex-BND-Chef Analysen für den Geheimdienst von Aserbaidschan erstellt haben, berichtete der „Spiegel“. Auch soll Hanning über seinen Ex-Büroleiter Manfred D. nach Ausscheiden aus dem Nachrichtendienst jahrelang mit wertvollen BND-Kenntnissen versorgt worden sein. Die Hanning wiederum gewinnbringend im Zuge seiner Beratertätigkeit und für sein Sicherheitsunternehmen verwertet haben dürfte. Der aktuelle Ermittlungsstand geht davon aus, dass Manfred D. seinem früheren Chef bis Juni 2022 annähernd 2000 Dokumente gegen Bezahlung zur Verfügung gestellt hat.„Eine der größten Bedrohungen für Geheimdienste“Laut einer Pressemitteilung der Bundesanwaltschaft hat eine Prüfung ergeben, dass darin Dokumente von Partnerdiensten enthalten waren. Bacher ortet hier ein besonders folgenschweres Vergehen: „Wenn der ehemalige Leiter eines Nachrichtendienstes, der den Dienst verlassen hat, im Austausch mit Angehörigen anderer Nachrichtendienste steht und diesen interne Informationen weitergibt, dann ist das kein Kindergeburtstag mehr.“ Sondern ein „Insider threat“, eine der größten Bedrohungen für die Geheimdienste. Immerhin gelten Informationen von Partnerdiensten als besonders schützenswert.„Eigentlich müsste ein Ex-Chef eines Dienstes noch viel besser wissen, dass das keine gute Idee ist“, sagt Bacher. Entscheidend sei hier wohl insbesondere der persönliche Bezug unter ehemaligen Kollegen gewesen. Wobei die unterschiedlichen hierarchischen Ebenen durchaus bedenklich seien. „Das ist schon ein Kaliber, wo ich mir denke, da kommt noch was“, zeigt sich der Forscher im Gespräch mit der „Krone“ sicher.Mögliche Spuren nach Russland und GeldsorgenJedenfalls hält Bacher in der Geschichte auch einen Russland-Bezug für möglich. Anhaltspunkte bietet etwa die Tätigkeit Hannings im Aufsichtsrat der lettischen Bank Norvik Banka, später PNB, im Jahr 2017. Deren Eigentümer der russische Banker Grigory Guselnikov war. Doch die Geschäfte liefen nicht, wie erhofft. Im Jahr 2019 erklärte die Europäische Zentralbank PNB für ausfallend, wenige Wochen später war sie insolvent. Der Insolvenzverwalter verklagte Hanning und weitere ehemalige Verantwortliche auf 32 Millionen Euro Schadenersatz. Um mögliche Ansprüche zu sichern, wurden ein Haus und Unternehmensanteile des Ex-BND-Chefs beschlagnahmt. Auch wurde in der Folge um einen erheblichen Teil seiner Beamtenpension gestritten. Später meinte Hanning, der Aufsichtsrat sei getäuscht worden.Bemerkenswerterweise soll der ehemalige Geheimdienst-Boss genau in diesen Jahren aus dem BND mit geheimen Informationen versorgt worden sein. Könnten finanzielle Interessen eine Rolle gespielt haben? „Wir werden noch viel mehr hören, die Geschichte wird noch weitere Kreise ziehen“, meint Bacher. Und ist sich sicher: „Besonders spannend wird in diesem Zusammenhang die Kundenliste seines Sicherheitsunternehmens sein.“
Ex-BND-Chef in Haft – Jüngster Spionage-Skandal „ist ein neues Kaliber“ 2026
IUSTITIA.BG – Investigations 2009-2026 2026-10-07 19:46:00
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