Kinder wollen nicht mehr an die Tafel, fürchten Aufnahmen sogar auf der Toilette. Seit Monaten trägt ein Wiener Gymnasiast trotz Verbots eine Smartbrille mit Kamera und Mikrofon. Drei Pädagogen erzählen der „Krone“, wie das Gerät den Schulalltag vergiftet. Ein Gericht stoppte den Rauswurf – nun will der Bildungsminister reagieren.
Kinder, die lieber eine schlechtere Note kassieren, als vor der Klasse zu stehen. Mitschüler, die nicht mehr neben einem Buben sitzen wollen. Lehrer, die sich außerstande sehen, ihre eigenen Regeln durchzusetzen. Seit Dezember 2025 sorgt eine Smartbrille an einem Wiener Gymnasium für massiven Ärger. Das Gerät trägt ein Schüler im Unterricht. Es verfügt über Kamera, Mikrofon und ein Display, über das Texte direkt ins Sichtfeld eingeblendet werden können. Das Kontrolllicht, das eine laufende Aufnahme anzeigen würde, ist mittlerweile überklebt. Warum, blieb laut Lehrern unbeantwortet. Die Hausordnung verbietet solche Geräte. Trotzdem trägt der Schüler die Brille weiter.Angst vor Aufnahmen reicht bis auf die ToiletteBesonders groß ist die Sorge unter den Mitschülern. „Der geht mit uns aufs Klo und wir wissen nie, ob der uns filmt oder nicht“, gibt eine Lehrerin die Klagen der Kinder wieder. Belege dafür, dass tatsächlich Aufnahmen gemacht wurden, gibt es nicht. Doch allein die Unsicherheit hat Folgen. Manche Schüler wollen nicht mehr an die Tafel oder Referate halten. „Wir nehmen lieber die schlechtere Note“, heißt es laut der Pädagogin. Zu groß die Angst, sich vielleicht zu verhaspeln und dann zum Gespött im Internet zu werden.Für sie ist damit ein Kern des Schulalltags beschädigt: „In der Schule sollte man ja Fehler machen dürfen. Die Kinder trauen sich dann nicht mehr.“Auch sozial gerät der Schüler zunehmend ins Abseits. Neben ihm wollte laut Lehrern niemand mehr sitzen, weshalb er schließlich einen Einzeltisch bekam. „Der wird mittlerweile wirklich gemieden“, schildert ein Pädagoge. Eine Kollegin sagt noch drastischer: „Freunde, würde ich jetzt sagen, hat er gar keine.“Verdacht auf Schummeln bringt Lehrer in BedrängnisZusätzlich steht der Verdacht im Raum, dass die Technik bei Prüfungen eingesetzt werden könnte. Gesteuert werde die Brille über ein Armband. „Mit der Hand unter dem Tisch wird da gestikuliert“, schildert ein Lehrer. Die Pädagogen berichten zudem von einem auffälligen Sprung bei den Leistungen des Schülers. Einen Beweis fürs Schummeln haben sie nicht. Genau darin liegt ihr Problem. „Einen Schummelzettel kannst du dir schnell einsammeln. Aber eine Brille halt nicht“, sagt ein Lehrer.Prüfungsangaben bekommt der Schüler deshalb nicht mehr, solange er das Gerät trägt. Anfassen dürfen die Lehrer die Brille nach eigener Darstellung nicht. Ein Pädagoge bringt die Hilflosigkeit auf den Punkt: „Man müsste wahrscheinlich die Polizei rufen, um die Hausordnung durchzusetzen. Davor schreckt man aber zurück.“Gericht stoppt Rauswurf, Minister will nachschärfenIm Juni zog die Schule schließlich die Reißleine und schloss den Schüler mit sofortiger Wirkung aus. Der Vater ging mit einem Anwalt dagegen vor. Das Bundesverwaltungsgericht sah lediglich eine „abstrakte Gefährdungsannahme“ und setzte den Rauswurf im Juli aus. Bei den Lehrern sorgt das für Frust. „Dann ist ja die Hausordnung eigentlich nur eine Empfehlung“, sagt eine Pädagogin. Vom Dienstgeber fühle sie sich „komplett allein gelassen“. Ihre Sorge: „Wenn der da jetzt bleiben darf, dann haben wir nächstes Jahr zehn Leute mit diesen Brillen.“Richterspruch für den Minister „befremdlich“Auch Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) reagiert deutlich. Gegenüber krone.tv bezeichnet er den Beschluss als „eigenartig“ und „befremdlich“. „Niemand von uns möchte heimlich aufgenommen werden“, sagt er. Sollte die bestehende Rechtslage Schulen nicht genügend Möglichkeiten geben, will Wiederkehr nachschärfen und einen rechtlichen Rahmen für Verbote schaffen. Sein Urteil über die Datenbrillen fällt eindeutig aus: „Die haben aus meiner Sicht im Klassenzimmer nichts verloren.“Bis dahin bleibt in der Klasse genau jene Unsicherheit bestehen, die den Konflikt seit Monaten antreibt: Ob die Kamera läuft oder nicht, kann dort niemand mit Sicherheit wissen.
Lehrer schlagen Alarm – Smartbrille in Schule: Überwachung bis aufs Klo 2026
IUSTITIA.BG – Investigations 2009-2026 2026-10-15 21:56:09
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