Erstmals hatte ein Treffen vor vier Jahren in Herisau stattgefunden. Weil alle begeistert waren, luden nun die Vorderländer Lesegesellschaften Reute, Schachen-Reute, Bissau Heiden, Aussertobel, Hasli und Tanne Wolfhalden sowie Lachen-Walzenhausen zum Austausch ein. Ernst Graf unterstrich bei der Begrüssung die Verschiedenheit der heutigen Lesegesellschaften und damit die Wichtigkeit eines regelmässigen Gedankenaustauschs. Danach sprach Martin Engler, auch Präsident der Bö-Stiftung, von der grossen Themenvielfalt des Museums, sodass es neu mit «Das kleine Universalmuseum» betitelt werde. Hinzu kommt ein viel beachtetes Vortragsprogramm. Er bedankte sich beim Historiker und zukünftigen Kurator David Aragai, Oberegg, für die Aufarbeitung des Bö-Nachlasses und die fantastisch konzipierte Ausstellung «Bö – Dagegenhalten».
Bö ist aktueller denn je
Aragai führte kurz durch die Ausstellung dauert noch bis März 2027. Der freischaffende Historiker bezweckte, Bö neu zu vermitteln. Dies ist ihm bestens gelungen. Aus Gründen der aktuell weltpolitischen Entwicklung entschied er sich für die vier Themenkreise «Die Demokratie wird abgeschafft», «Pressezensur und politische Propaganda», «Faschisten aus der Schweiz» sowie «Sowjetunion und Schweiz». Hier wird ersichtlich, wie Bö, der von 1936 bis zu seinem Tod 1970 in Heiden lebte und mit seinen Karikaturen den Nebelspalter prägte, die politische Entwicklung scharf wahrgenommen hatte.
Dann stellte Geschäftsführer Ralf Menet den Verein AüB, Appenzellerland über dem Bodensee, vor. Austausch sei sehr wichtig. Der Verein fördere die Zusammenarbeit zwischen den acht Gemeinden und dem Bezirk Oberegg, um gemeinsame Lösungen für die Region zu finden. Derzeit grosses Thema sei das Spitalareal Heiden mit dem Ziel, später einen Zweckverband gründen zu können. Durch das Miteinander und das gemeinsame Handeln könne bei Projekten Entwicklung entstehen, die auf regionaler Ebene mehr erreiche als Alleingänge.
Wandel des Lesestils und Sprache
Arthur Sturzenegger zeigte sodann auf, dass die Ausserrhoder Lesegesellschaften zu den ältesten Dorfvereinen gehören. Es gibt sie in der Schweiz seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Grundvoraussetzung war, dass sich neben der alten Tradition der mündlichen Kultur allmählich eine Lesekultur im aufkommenden Bildungsbürgertum etablierte und sich dabei der Lesestil wandelte. Anstelle von Wiederholungslektüre zum Beispiel in Bibeln, Psalmen, Sende- und Gebetsbüchern trat eine Informationslektüre mit Zeitungen, Zeitschriften, Jahreskalendern und etwa Reiseberichten in Deutsch und nicht mehr in Latein in den Vordergrund.
Entwicklung in Ausserrhoden
In Herisau wurde 1775 eine «Lectur liebende Gesellschaft» gebildet, zugehörig eine Bibliothek mit 700 Bänden. Dieser Bestand fiel dem Brand von 1812 zum Opfer. Als erste Lesegesellschaft im Kanton gilt die 1820 gegründete Sonnengesellschaft, Speicher, die jedoch nicht jedermann zugänglich war. Gemäss dem Appenzellischen Monatsblatt bestanden 1825 fünf Lesegesellschaften im Kanton. Ihre Interessen galten der Literatur und Fragen des politischen Alltags, des zivilisatorischen und beruflichen Fortschritts.
Bei den meisten Lesegesellschaften zirkulierten unter den Mitgliedern Lesemappen zur Information und zur Unterhaltung. Nach Jahresablauf wurden sie auch als Jahresausgabe gebunden und waren zusammen mit geschenkter und angekaufter Literatur die Basis von Bibliotheken. Inhalt war oft die Zeitschrift «Volks-Bibliothek für einen Batzen» mit Beiträgen über Reisen, Naturwissenschaften, Geschichte der Schweiz oder etwa fortschrittlicher Erziehung. Das «Appenzellische Monatsblatt» berichtete über kantonale und kommunale Angelegenheiten, Jahresberichte von kantonalen Institutionen, Zivilstand-Statistiken und historische Begebenheiten. In der 190-jährigen Geschichte der Lesegesellschaft Reute wurden ab 1848 die Verfassung und die Gesetze von Seiten Bund und Kanton diskutiert.
Viele Lesegesellschaften traten dem 1873 gegründeten Appenzellischen Volksverein bei. Als sich dieser ab 1895 der FDP annäherte, wurden vor allem im Hinterland Ortsparteien gebildet, während der Vereinsname bestehen blieb. Diese Vereine widmeten sich künftig vorwiegend kulturellen Themen. Die meisten Lesegesellschaften im Vorderland distanzierten sich von dieser Parteipolitik und besannen sich auf die ursprünglichen Grundwerte. Die Lesegesellschaft Reute ist die älteste, noch im traditionellen, appenzellischen Sinne tagende Lesegesellschaft des Kantons.
Zum Schluss bestieg die Gesellschaft den Kirchturm, wo Max Frischknecht vom Kurverein 27 Meter über Boden die Geschichte von Kirche und Turmzimmer erläuterte. Danach folgte der Aperitif von AüB.
Der Beitrag Lesegesellschaften im Austausch erschien zuerst auf appenzell24.ch.
Lesegesellschaften im Austausch 2026
IUSTITIA.BG – Investigations 2009-2026 2026-09-23 10:06:00
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