Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Obschon sich um die 60 Personen im Pfarreiheim Herisau befanden, war es mucksmäuschenstill, als Ivo Knill die Menschen hineinführte in sein Buch. Während einer Reise in Japan erfuhr er vom plötzlichen Tod seines Bruders Franco. Zuerst Leere. «Dann kommt es. Der Kloss im Hals, die Tränen, das Schluchzen, das Würgen, das Schütteln des Körpers, und der Stillstand von allem», rezitiert Knill. Die fremde Landschaft, in der er sich zu jenem Zeitpunkt befand, wirkte wie eine Decke über dem Schmerz.
Ivo Knill hat die Trauer nach dem Suizid seines Bruders im Jahr 2017 in einem Buch verarbeitet und reflektiert. Vor zwei Jahren wurde es unter dem Titel «Der Himmel meines Bruders» publiziert. Für Knill war die Lesung eine Rückkehr zu seinen Wurzeln. Viele Erinnerungen an seine Kindheit leben in Herisau wieder auf, beispielsweise die einmaligen Stunden in der Jungwacht und einstige Partys, wie er eingangs erzählt. Heute lebt er im Kanton Bern.
Lebendigkeit und Schmerz zugleich
Um Erinnerungen geht es auch in seinem Buch. Aber nicht nur. Ivo Knill hat die Trauer mit biografischen Kurzgeschichten verarbeitet, fiktionale Experimente liess er ebenso einfliessen. Deutlich wird dabei auch seine persönliche Gefühlswelt. So ist an einer Stelle zu hören: «Ich fühle meinen Körper, meine Lebendigkeit, meine Fähigkeit zu leben. Und ich spüre zugleich den Schmerz, dass mir, meinem Körper, etwas genommen worden ist, mein Bruder. Ein Teil von mir ist weg mit ihm.» Sieben Geschwister seien sie einst gewesen. Mit Francos Tod waren es noch fünf. «Es fühlt sich nach wenig an», liest Knill vor.
Im persönlichen Gespräch mit Seelsorgerin Iris Schmid Hochreutener beschreibt er sodann die Plötzlichkeit des Todes als Bruch. Seine Gefühle kamen nicht mehr mit. Spürte er zu Beginn Trauer, kam irgendwann die Leere. «Ein Teil des Buchs versucht, diese Leere zu beschreiben, zu erforschen und auch zuzulassen», so der Autor. Wenn er heute hier in Herisau sitze und aus seinem Buch vorlese, würden ihm all die aufgeschriebenen Augenblicke grossen Trost spenden.
Landschaften von Erinnerungen
Zwischen den einzelnen Kapiteln, die Ivo Knill vorträgt, lässt er auch hinter die Zeilen blicken. Er spricht vom Nachlass seines Bruders, einer Fotoserie, mit der er den täglichen Ausblick auf die Hundwiler Höhe und den Säntis dokumentiert hatte. Diese Fotos illustrieren nun Knills Kurzgeschichten. Das Bild von den Landschaften braucht der Autor auch in weiteren persönlichen Gedanken abseits des Manuskripts. In den täglichen Begegnungen würden die Menschen Landschaften von Erinnerungen aufbauen. «Das Leben ist eine Landschaft, durch die wir laufen. Meine Zeit in Herisau, auch mit Franco, ist Teil dieser Landschaft.» Und das Tröstliche: Mit dem Stift könne er diese Erinnerungen zum Leben erwecken.
«Der Himmel meines Bruders» ist ein Buch, das immer wieder innehalten lässt. Es gilt zu verdauen, was man gehört hat. Es lässt einen zum Schluss aber nicht wehmütig, sondern mit einer optimistischen Sicht zurück. «Ich schlage mich auf die Seite des Lebens», liest Ivo Knill vor. «Ich wage Zuversicht.» Mit seinem Bruder Franco habe er eine grosse Lebenszeit geteilt. «Ich ging durch die Trauer und den Schmerz, jetzt überwiegt die Dankbarkeit, Franco als Bruder zu haben.»
Trauern als Veränderungsprozess
Auf eine Nachfrage hin dringt durch, wie Knill heute über den Tod denkt. «Ich glaube, dass man in der Erinnerung anderer Menschen weiterlebt», bringt er es auf den Punkt. Trauern bezeichnet er als Veränderungsprozess. Etwas Körperliches werde zu etwas Geistigem. Trauern macht die Menschen gemäss Ivo Knill auch reich. Es gebe einem das Gefühl, dass die Menschen, die man verloren habe, einen Wert hatten. Entsprechend würdigt der Gast auch die Arbeit des «Trauercafés Herisau». Und er kommt zu einer klaren Feststellung: «Alle, die schon einen schwierigen Todesfall erlebt haben, sind Botschafter dafür, dass wir das Leben würdigen sollen.»
Ivo Knill hat mit den Menschen in Herisau Gedanken, Gefühle, Lebenserinnerungen und Lebenshaltungen geteilt. Die tiefen Gedanken setzten sich beim Apéro in persönlichen Gesprächen fort.
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Lesung zwischen Trauer, Leben und Zuversicht 2026
IUSTITIA.BG – Investigations 2009-2026 2026-09-21 13:21:00
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