Ein Lehrstück in Sachen Austropop – Rainhard Fendrich begeisterte Donnerstagabend bei lauen Spätsommertemperaturen rund 5000 Fans im ausverkauften Steinbruch in St. Margarethen im Burgenland. Heute geht es an selber Stelle noch einmal weiter. Nach dem Tourfinale am Sonntag naht die große Frage: Macht der Kultsänger noch weiter?
Mit dem Album „Wimpernschlag“ und einer ausgedehnten Tour von mehr als 60 Auftritten in etwa eineinhalb Jahren hat Austropop-Legende Rainhard Fendrich seine eigene Historie noch einmal in neue Sphären gehoben. Die beiden ausverkauften Shows in der Wiener Stadthalle 2025 als absolute Höhepunkte bleiben den vielen Fans noch heute wohlig in Erinnerung. Am Ende dieser Sommersaison kommt auch seine „Nur ein Wimpernschlag“-Tour zum verdienten Finale. Darunter befinden sich zwei ausverkaufte Shows im Steinbruch St. Margarethen, eine der würdigsten Locations, die man sich für einen Künstler dieser Couleur vorstellen kann. Die Setlist für die Open-Air-Spektakel hat Fendrich im Direktvergleich mit den Hallengigs leicht adaptiert. Fünf Nummern weniger, dafür keine Pause im Mittelteil ergeben ein vergleichsweise kompakteres Set.Mitternacht neu definiertMit seinen 71 Jahren geht der Künstler heute genauso locker um, wie mit vielen anderen Dingen, die früher noch Ärger heraufbeschworen hätten. Politische und gesellschaftskritische Ansichten und Statements nehmen noch immer ausreichend Raum ein, werden während des Konzerts aber mit einer gewissen Nonchalance vermittelt. Die rund 5000 Fans im randvollen Steinbruch gewinnt Fendrich schon nach wenigen Minuten für sich. „Es tuat so weh, wenn ma verliert“ ist der erste Höhepunkt, danach gibt es erstmals sympathische Selbstironie, als er sein Alter mit jenem des Papstes vergleicht. „70 ist heute angeblich das neue 50 – bei mir ist eher 22 Uhr das neue Mitternacht.“ Mit seiner vierköpfigen Band tobt sich der Austro-Barde auf der vor der „Tosca“-Opernszenerie gebauten Bühne aus. Flankiert von zwei großen Videowalls, damit auch die hinteren Plätze möglichst gute Sicht auf ihn haben.Mit seinen Hits hat Fendrich das Lebensgefühl mehrerer Generationen
geprägt. Dass er seinen lange missverstandenen und noch länger nicht gespielten
Mega-Hit „I Am From Austria“ wieder im Liveprogramm aufgenommen hat, zeugt von
einer reifen Versöhnung, die man in allen Bereichen seines Tuns spürt. „Der
Song ist ein bisschen wie der Geist, der aus der Flasche kam“, so Fendrich auf
der Bühne zur inoffiziellen Nationalhymne Österreichs, „man kann seine Heimat lieben,
ohne andere zu hassen“. Fendrich hat sich sein Liedgut wieder zurückerobert und
will es nicht mehr jenen überlassen, die propagandistisches Schindluder damit
betreiben. Immer wieder werden meinungsstarke Songs mit lockeren durchwechselt.
„Zwischen Eins und Vier“ ist eine zeitlose Bestandsaufnahme über das Nachtleben
in der Zeit der „Belle Époque“ des Austropop, die „Strada del Sole“ war hierzulande
der Nummer-eins-Hit 1981, ohne dass Fendrich selbst jemals dort gewesen wäre.Respektvolles PublikumDas Menschliche und Gemeinschaftliche ist dem Sänger von zeitloser Wichtigkeit. „Die Social-Media-Portale haben den Hass nicht verstärkt, sondern nur freigelegt. Früher war nicht alles besser, nur im Verborgenen“, referiert er vor „Auf und davon“ und bringt neben all der guten Laune immer wieder Aspekte zum Nachdenken ein. Mit „Die, die wandern“ und der humorigen „Frieda“ bleibt im gut zweistündigen Auftritt Platz für selten gehörte Kompositionen. Manche Lieder verformt Fendrich samt Band live, bleibt aber immer nahe an der ursprünglichen Basis, um sie in der großen Hit-Revue zugänglich zu lassen. Besonders beeindruckend ist die juvenile, kaum veränderte Stimme des 71-Jährigen, die ausdrucksvoll ist und auch die höheren Töne gut trifft. Das Publikum zeigt sich lange respektvoll und zurückhaltend und lässt erst im Schlussdrittel seiner Begeisterung freien Lauf. Eine gut gemeinte Geste, die dem vierten Einsatz des Künstlers aber nicht ganz gerecht wird.Das Ambiente passt zum feierlichen Anlass. Durch das Tal im
Steinbruch weht ein sanfter Spätsommerwind, die Wildsaukäsekrainer und der Leberkäse
im Wachauer-Weckerl haben einen stolzen Preis, passen aber zum gediegenen Rahmen,
der ansonsten vorwiegend der Hochkultur vorbehalten ist. Fendrichs Stärke als
Künstler und Frontmann liegt mitunter daran, dass er sich bodenständig geriert und
seine Botschaften nie belehrend, sondern informierend vermittelt. Er hat klare
Ansichten und Positionierungen, die anecken mögen, doch damit hebt er sich auch
vom Gros der schweigenden Mehrheit ab, die mit ihren Ansichten lieber Haus hält
und damit erst gar keine Diskursmöglichkeit in den Raum stellt. Fendrich mag zuweilen
unbequem wirken, hat seine raue Schale aus alten Tagen aber längst abgelegt und
sieht selbst prekäre und gesellschaftspolitisch wichtige Themen auf der Bühne
mit einem leichten Augenzwinkern.Staatsmännischer AuftrittDie ergraute Mähne verleiht dem Musiker etwas Staatsmännisches, doch wenn er sich in die Lieder beißt und die musikalische Gegenwart mit der gedanklichen Nostalgie vermischt, dann ist Fendrich immer noch laut, unangepasst und in gewisser Weise sympathisch spitzbübisch. Bei „Schwarzoderweiß“ legt er ein berührendes Manifest für Menschlichkeit und Zusammenhalt zvor. „Den Gesundheitszustand eines Menschen erkennt man erst an der Toleranz eines anderen gegenüber, der anders ist als man selbst.“ Die Messages mögen sich wiederholen, wie Plattitüden klingen so noch immer nicht. Das Hit-Furioso bietet mit „Schickera“, „Blond“, „Es lebe der Sport“ oder „Weus’d a Her hast wia a Bergwerk“ noch einmal alles auf, was den heimischen Pop-Sound seit gut 40 Jahren ausmacht. Es ist eine Geschichtsstunde mit der traurigen Erkenntnis, dass es die letzten gewesen sein könnten.Ein Da Capo gibt es heute Abend, 4. September, im Römersteinbruch St. Margarethen. Das große Finale findet dann am 6. September auf der Seebühne in Bregenz statt. Danach sollte man sich nicht allzu viele Hoffnungen auf weitere Konzerte Fendrichs machen. Gerüchte besagen, dass nach dem anstrengenden Tourzyklus erst einmal ein paar Jahre Pause geplant sind. Davor gibt es aber noch einiges zu feiern.
Live im Steinbruch – Rainhard Fendrich: Langsam naht das Grande Finale 2026
IUSTITIA.BG – Investigations 2009-2026 2026-09-04 00:44:51
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