Frostige Stimmung vor der Tiefkühlfabrik in Groß-Enzersdorf in Niederösterreich: Dutzende Landwirte mit ihren Traktoren, junge Mütter und ihre Kinder, alle voller Zukunftsangst, protestierten vor dem Ardo-Werk gegen die „herzlose“ Schließung.
Der Regen prasselt auf die Dächer der Traktoren, die sich vor dem Ardo-Werk aufgereiht haben. Scheibenwischer kämpfen gegen Tropfen, Motoren knattern, die Reifen sind vom nassen Marchfeldboden verschmutzt. Doch hinter den Lenkrädern sitzen keine Männer, die einfach nur ihrem Ärger Luft machen wollen. Es sind Bauern, die um das bangen, was sie über Generationen aufgebaut haben. Um ihre Felder. Ihre Höfe. Und um eine Zukunft, die plötzlich ins Bodenlose zu stürzen droht.Vor den Toren des Tiefkühlriesen wird in diesem Grau spürbar, wie tief die Nachricht von der Werksschließung sitzt. Hier geht es längst nicht mehr nur um ein Unternehmen, das seine Produktion einstellen will. Hier geht es um Familien, deren Alltag und Einkommen seit Jahren eng mit der Gemüseproduktion verbunden sind. Um eine Region, in der die Arbeit auf den Feldern nicht einfach mit einem Federstrich verschwindet – wohl aber der Absatz, auf den viele ihre Existenz aufgebaut haben.Können „nicht einfach auf Knopfdruck auf anderes Produkt umsteigen“Hinter den wertvollen Erbsen stehen Kredite, Maschinen und laufende Kosten. „Wer Tiefkühlgemüse anbaut, kann nicht einfach auf Knopfdruck auf ein anderes Produkt umsteigen. Und schon gar nicht von heute auf morgen neue Abnehmer finden“, so Landwirt Norbert Mayer aus Schönau. Für Mütter, die den Hof mit ihren Partnern stemmen, wiegt diese Unsicherheit wegen der Kinder noch schwerer.Das Marchfeld gilt als Gemüsekammer Österreichs. Hier wird gesät, gepflegt, geerntet – mit viel Erfahrung, Einsatz und dem Wissen, dass die Natur ihre eigenen Regeln schreibt. Dürre, Starkregen und steigende Kosten machen den Landwirten ohnehin zu schaffen. Nun droht mit dem Wegfall eines wichtigen industriellen Abnehmers eine weitere Belastung.Die Traktoren vor dem Werk sind mehr als ein Protest. Sie stehen für die Menschen hinter den Lebensmitteln, die tagtäglich auf unseren Tellern landen. Für Höfe, die nicht von Schlagzeilen leben, sondern davon, dass ihre Ernte verlässlich verarbeitet und verkauft werden kann. Der Regen lässt nicht nach. Auf den Traktoren glänzen Tropfen, auf den Gesichtern der Bauern liegt Anspannung, aber auch Kampfbereitschaft. „Es braucht einen breiten Schulterschluss – von Bauern, Agrarvertretern potenziellen Investoren, dem Handel und auch dem Wirtschaftsminister, der noch nichts von sich hat hören lassen“, sagt Richard Kriegl, Obmann der Erzeugerorganisation Tiefkühlgemüse (ETG). „Und auch einen Krisengipfel!“, ergänzt Mitstreiter Johann Blatt. Denn das Saatgut für den Winterspinat liege schon im Keller.Wie berichtet, hatte der Konzern eiskalt alle Angebote der Regierung abgeschmettert. Die Manager können deswegen so agieren, weil sie keine öffentlichen Fördergelder bezogen hatten. Das kompromisslose Nein zur Fortführung des Werkes lässt auch keinen Schutzschirm der Politik zu. Damit bleiben die Felder sowohl jetzt im Spätherbst als auch im Frühjahr kahl.„Weder Schon- noch Gnadenfrist“Kriegl: „Uns wurde auf 3000 Hektar weder Schon- noch Gnadenfrist gegeben. Das betrifft Spinat in jeglicher Form, also Blattspinat, Cremespinat oder Passierspinat in Tiefkühlform.“ Die würden ebenso verschwinden wie eisgefrostetes Rotkraut. Denn für all das gibt es in Österreich keine andere Verarbeitungslinie als im Marchfeld. Trotz Übernahmeangeboten will der Agrar-Riese nichts davon verkaufen, vermieten oder auch andere Nachnutzung erlauben. Kriegl: „Einziges Ziel des belgischen Konzerns ist es, unsere Regale mit eigenen Produkten aus dem Ausland zu fluten.“Die Schließung wird nicht nur die Bauern, die aufgrund der Trockenheit hohe Summen in neue Bewässerungsanlagen investierten, in den Abgrund reißen, sondern auch Landmaschinen-Händler, Werkstätten, Transportunternehmen etc. Kriegl schätzt, dass Hunderte Jobs gefährdet sind. Sein Appell an Konsumenten: „Iglo-Produkte, die noch in den Regalen liegen, bunkern und dann nicht mehr zu Ardo-Produkten greifen.“Anlage für BioabfälleUnd doch gibt es einen Hoffnungsschimmer am Marchfelder Horizont. Spar meldete sich mit einem Abnahmeangebot, das einen kleinen Teil abdecken kann. Zudem soll – wie berichtet – hier eine Anlage entstehen, die Bioabfälle in Energie für Kühlung und Strom umwandelt. Das macht zumindest unabhängiger von Gas- und Strompreisen.
Tränen im Regen – Aufstand der Bauern gegen die Ardo-Werksschließung 2026
IUSTITIA.BG – Investigations 2009-2026 2026-10-10 16:53:39
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