Schon am Mittag herrscht beim Schulhaus Bühler ein lebhafter Festbetrieb. Die Leute stehen in Gruppen beisammen, sitzen an langen Tischen oder irgendwo auf dem Rasen. Sie plaudern, trinken und essen. Zwischen all den Menschen sind die «Kässelibuebe» unterwegs, die mit originellen Kässeli Geld für die verschiedenen Gemeindeprojekte sammeln. Dazu kommt ein kurioses Trio. Ein Mann mit Perücke und Sonnenbrille verkauft Aktien von «Spital & Psychiatrie Herisau», ein zweiter verwaltet die Kasse, die er auf einem Rollstuhl vor sich herschiebt. Begleitet werden sie von einer künstlichen Palme, in deren Stamm sich ein Mensch verbirgt. Die Besucher werden aufgefordert, ihren Frust an der Ausserrhoder Spital-Situation an ihr auszulassen: «Du Dreckspalme, du Schiisspalme.» Sie realisieren den Witz sofort: Mit der Palme ist der Ausserrhoder Gesundheitsdirektor Yves Noël Balmer gemeint. Nicht alle folgen aber der Aufforderung. «Hoi du», meint eine Frau mittleren Alters etwa, als sich die Palme ihr zuwendet.
Bunte, atemberaubende Mischung
Nach dem festlichen Einzug des Narrenrats beginnt dann um 14 Uhr der offizielle Teil. Er wird ein gut zweistündiges Feuerwerk, eine Mischung aus Kabarett und Comedy, Satire und Fasnacht, gewürzt mit Musik, mit Ehrungen, Wahlen, und immer wieder einer Abstimmung. Als Stimmausweis dient ein Stück Kunstrasen, das am Eingang verteilt worden ist – ein Stück «Teppichetage». Die Mischung der Themen und Tonlagen ist bunt, ja atemberaubend. Für einen roten Faden sorgt wie gewohnt Hauptmann «Chläppere Sepp» (Philipp Langenegger). Sein «Sepp» ist als Leiter des Ganzen schlagfertig, kraftvoll und geistreich, originell, frech und oft auch derb. Langenegger macht die Rolle sichtlich Spass, ebenso seinen Kollegen Hans Rudolf Ehrbar (Kirchenpfleger Güggel Ruedi), Emanuel Steiner (Sportmagister Holme Jock), Jörg Schmid (Säckelmeister Rössli Stompe Joggeli) und Adi Höhener (Meldeläufer Max Molitor).
Primarschüler führt Protokoll
Die Pointen, Bonmots und Oneliner werden platziert, wo es nur geht – manchmal ist es fast zu viel. Der Narrenrat erzählt etwa, für die Protokollführung hätten sich drei Leute beworben: die Waadtländer Skandal-Regierungsrätin Valérie Dittli, SRF-Moderator Patrick Schmitz – der mit dem Fischer-Covid-Skandal – und der neunjährige Roman aus Bühler, der das Protokoll auf Frühfranzösisch schreiben wolle. Das Publikum wählt natürlich den Schüler, der denn auch prompt nach vorne tritt und während der ganzen Landsgemeinde den Protokollanten spielt.
Eine andere Pointe, aus der Laudatio von Sportmagister Holme Jock auf Kugelstosserin Miryam Mazenauer: «Sie kann ihre Kugel weiter werfen, als viele Leute denken können.» Und etwas später meint er: «Hätte ich ein Piratenschiff, würde ich sie fragen, ob sie meine Kanone werden möchte.» Besonders gelacht wird bei Scherzen und Anspielungen auf Lokales und Regionales. Das laute, vielstimmige Lachen ist ein Erlebnis, steckt an. Oft gibts auch Applaus.
Bildung und Gesundheitswesen
Ernst und Scherz sind oft miteinander verflochten, etwa beim «Lehrplan 9064», den Holme Jock vorstellt. Früher wusste der Gemsli-Wirt oder die Dorfcoiffeuse alles, heute ist es die KI.
In der Schule lernt man viel, das man später überhaupt nicht braucht, und wichtig wäre doch vor allem, dass die Menschen glücklicher, geselliger und gesünder werden, mit Sport etwa, Musik und Bauernschläue. Hohe Ziele setzen auch die Investoren Bruno und Roger. Die «Aktien» für ihr geplantes Spital-und Psychiatriezentrum Ausserrhoden werden an der Narrengemeinde verkauft. Das neue Zentrum soll «die Gesundheit Ausserrhodens retten». Schnell stellt sich heraus, dass Bruno und Roger sehr unterschiedliche Prioritäten haben: Der eine sieht nur das Geld, der andere nur das Wohl der Bevölkerung, ihr Streit artet in eine heftige «Prügelei» aus.
Das Werk zweier Auszubildender
Wo findet die nächste Narregmend statt? Die Wahl ist nicht ganz einfach. In der engen Auswahl sind schliesslich Waldstatt, Schwellbrunn, Schwänberg-Herisau und nochmals Bühler. Welcher Ort erhielt von den Anwesenden den lautesten Applaus? Hauptmann «Sepp» gibt schliesslich Waldstatt den Zuschlag, wobei wohl auch die Zusicherung Waldstatts eine Rolle spielte, man werde den neuen, mobilen Wanderstuhl noch am Sonntag abmontieren, in die Waldstatt schaffen und dort einlagern.
Geplant und gebaut wurde er von zwei angehenden Zimmerleuten der Firma «Nägeli Holzbau» in Gais: Florian Freund und Cerino Amstutz. Sie werden natürlich auf die Tribüne geladen und dort gebührend verdankt. Die Originaltribüne der Ausserrhoder Landsgemeinde existiert noch immer, ist in Trogen eingelagert. Die Narregmend darf sie aber nicht verwenden – sie sei zu «wichtig». So behalf sich die Narregmend mit einer neuen. «Lieber ein Stuhl, der lebt, als ein Denkmal, das sich selber verwaltet», meint Hauptmann Sepp zum Publikum. In eine ähnliche Richtung äussert sich der wohl prominenteste Redner auf der Tribüne, alt Bundesrat Ueli Mauerer. Er findet es «huere guet», dass man in Ausserrhoden mit der Narregmend einen vergessenen Brauch übernimmt und auf diese Weise weiterführt.
Der Beitrag Eine «Klage-Palme» für den Spitalfrust erschien zuerst auf appenzell24.ch.
Eine «Klage-Palme» für den Spitalfrust 2026 IUSTITIA.BG – Investigations 2009-2025 2026-04-27 14:22:00
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