Verdis „Rette mich“ in Salzburg: Muti nimmt Abschied vom Requiem – und aus Baku erhebt sich eine junge Stimme
Cumhuriyet („Die Republik“), Seite 2, 06.09.2026
von Birol Kilic, Wien
Im Großen Festspielhaus der Salzburger Festspiele wurde am Abend des 18. August 2026 Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ aufgeführt. Wer an diesem Abend im Saal saß, merkte allerdings rasch, dass es nicht nur um eine weitere Aufführung eines berühmten Werkes ging. Der 85-jährige Riccardo Muti stand vor den Wiener Philharmonikern und dirigierte eine Partitur, die ihn über Jahrzehnte begleitet hatte. Nun sollte es sein Abschied von diesem Werk sein. Das gab dem Abend von Beginn an eine besondere Spannung, denn Verdis Requiem handelt vom Tod, von Angst, Erschütterung, Schuld, Hoffnung, Erbarmen und von der Frage, was der Mensch angesichts seines eigenen Endes überhaupt noch zu sagen vermag. Wenn ein 85-jähriger Maestro, der mehr als ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte mitgeschrieben hat, gerade ein solches Werk zum letzten Mal dirigiert, hört man manche Stellen zwangsläufig persönlicher.
Ein Requiem ist keine gewöhnliche Trauermusik
Das Wort „Requiem“ geht auf den Beginn der katholischen Totenmesse zurück: „Requiem aeternam dona eis, Domine“ – „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe.“ Schon in diesen ersten Worten steckt das Wesentliche: Der Mensch bittet für die Verstorbenen um Ruhe und um göttliches Erbarmen. Doch bei Verdi bleibt diese Bitte keineswegs ruhig und ergeben. Sein Requiem kann trösten, aber es erschreckt ebenso. Es kennt die leise Bitte genauso wie den fast verzweifelten Aufschrei. Gerade darin unterscheidet sich Verdis Zugang deutlich von jenem Mozarts.
Mozart starb 1791, bevor er sein eigenes Requiem vollenden konnte; Franz Xaver Süssmayr stellte das Werk nach seinem Tod fertig. Bei Mozart liegen Todesangst und Ergebung eng nebeneinander. Der Mensch weiß um seine Schwäche und sucht Zuflucht in der Gnade Gottes. Bei Verdi ist die Lage unruhiger: Man hört nicht nur Ergebung, sondern auch Widerstand, Zweifel und eine Form von innerem Aufbegehren.
Verdi schrieb für Manzoni
Verdis Requiem entstand nach dem Tod Alessandro Manzonis im Jahr 1873. Das ist für das Verständnis des Werkes nicht nebensächlich. Manzoni war einer der großen italienischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, aber eben nicht nur das. Er galt auch als moralische Gestalt des Risorgimento, jener politischen und gesellschaftlichen Bewegung, die für die Einigung und Unabhängigkeit Italiens stand. In der Lombardei hatte er sich gegen die österreichisch-habsburgische Herrschaft gestellt.
Verdis Verehrung für Manzoni hatte daher mit Literatur genauso viel zu tun wie mit dessen Haltung als Italiener. Freiheit, nationale Selbstbestimmung und persönliche Integrität gehörten für Verdi zu diesem Bild. Man kann das Requiem deshalb nicht einfach als fromme Totenmusik hören. Es trägt etwas von Verdis eigener Persönlichkeit in sich: Stolz, Unabhängigkeit, Zweifel, Zorn und gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht nach Gnade.
„Dies irae“ – wenn das Gericht hereinbricht
Besonders deutlich wird das im „Dies irae“, dem „Tag des Zorns“. Wer dieses Stück einmal im Konzertsaal erlebt hat, versteht schnell, warum es auch Menschen erschüttert, die mit katholischer Liturgie wenig anfangen können. Das Orchester bricht mit einer Gewalt herein, die fast körperlich wirkt. Der Chor kündigt das Jüngste Gericht an, und plötzlich verschwindet jede gesellschaftliche Sicherheit, die ein Mensch sich im Leben aufgebaut haben mag. Vor diesem Gericht helfen kein Titel, kein Geld und kein gesellschaftlicher Rang; Verdi macht daraus keine abstrakte Theologie, sondern lässt den Menschen mit seiner Angst allein vor diesem Augenblick stehen.
Später, im „Libera me“, wird aus dieser Angst eine Bitte: „Befreie mich, Herr“, „Rette mich, Herr“. Bei Verdi klingt dieser Ruf nicht immer wie eine friedliche Unterwerfung. Er kann fast wie eine Auseinandersetzung mit Gottes Schweigen wirken. Der Mensch bittet um Erbarmen, weiß aber nicht, ob eine Antwort kommen wird. Gerade darin liegt ein Teil der ungeheuren Wirkung dieses Werkes.
Muti und Salzburg: mehr als fünfzig Jahre
Riccardo Mutis Geschichte mit Salzburg begann 1971. Herbert von Karajan hatte den damals jungen italienischen Dirigenten eingeladen. Seitdem wurde Muti zu einer der prägenden Persönlichkeiten der Festspiele und zu einem langjährigen Partner der Wiener Philharmoniker. Zwischen dem Muti von 1971 und dem Mann, der im August 2026 vor uns stand, liegt mehr als ein halbes Jahrhundert.
Das sieht und spürt man natürlich. Aber man sah an diesem Abend ebenso, wie sehr Muti körperlich und geistig präsent geblieben ist. Seine Bewegungen sind nicht mehr die eines jungen Dirigenten, und das müssen sie auch nicht sein. Er braucht keine übertriebene Gestik. Viele seiner Anweisungen kommen heute aus kleinen Bewegungen, einem Blick, einer Handbewegung, manchmal fast nur aus einer Haltung des Körpers. Die Wiener Philharmoniker verstehen ihn, und Muti kennt dieses Orchester seit Jahrzehnten.
Als der Saal aufstand
Muti ist längst zu einer historischen Figur der europäischen Musik geworden. Das merkt man spätestens dann, wenn ein großer Saal nicht nur aus Höflichkeit applaudiert. Am Ende dieses Abends stand das Publikum auf, und ich musste dabei an den Atatürk zugeschriebenen Satz denken: „Der Künstler küsst keine Hand; die Hand des Künstlers wird geküsst.“
An diesem Abend wirkte dieser Satz nicht pathetisch. Er passte zu dem, was man sah. Ein 85-jähriger Mann hatte nicht seinen Namen, seinen Rang oder sein Alter ausgestellt, sondern hochkonzentriert gearbeitet, mit einem der schwierigsten und emotional belastendsten Werke Verdis. Der Respekt des Publikums galt genau dieser Lebensleistung.
Ein Abschied ohne große Geste
Bekannt wurde, dass Muti Verdis Requiem nach diesen Salzburger Aufführungen nicht mehr dirigieren will. Für einen Dirigenten ist eine solche Entscheidung etwas anderes als für einen Zuhörer, der sagt: „Dieses Stück höre ich nicht mehr.“ Muti hat sich mit dieser Partitur jahrzehntelang beschäftigt. Er kennt ihre Übergänge, ihre Abgründe, ihre explosiven Ausbrüche, aber auch jene Stellen, an denen ein einziger zu lauter Ton die Spannung zerstören kann.
Wenn ein Musiker sich nach so langer Zeit von einem Werk trennt, ist das keine gewöhnliche organisatorische Entscheidung, sondern ein Einschnitt. Salzburg wirkte deshalb an diesem Abend tatsächlich so, als würde nicht nur eine Aufführung enden. Man spürte auch, wie eine bestimmte Ära langsam weiter in die Vergangenheit rückt.
Keine „Kirchenoper“
Verdis Requiem ist immer wieder als „Kirchenoper“ bezeichnet worden. Das liegt nahe: Die dramatischen Kontraste, die großen Chorszenen, die Solisten und die musikalischen Zuspitzungen erinnern an Verdis Opernwelt. Muti vermied aber gerade diesen Effekt.
Natürlich ließ er die Wiener Philharmoniker dort aufbrechen, wo Verdi Gewalt verlangt. Doch entscheidend waren für mich an diesem Abend nicht nur die großen Ausbrüche. Viel stärker blieben jene Momente in Erinnerung, in denen Muti das Orchester und den Chor der Wiener Staatsoper weit zurücknahm. Teilweise blieb nur ein Hauch von Klang. Das ist schwerer zu dirigieren als bloße Lautstärke, denn im Pianissimo muss jeder zuhören, jeder atmen und jeder warten. Muti konnte diese Spannung halten. Der bekannte Satz, ein großer Dirigent müsse auch die Stille zwischen zwei Tönen beherrschen, war hier keine Floskel; man konnte es tatsächlich hören.
Dann kam Maharram Huseynov
Inmitten dieses Abschiedsabends stand zugleich ein junger Bass, dessen Biografie kaum stärker mit Mutis jahrzehntelanger Karriere kontrastieren könnte: Maharram Huseynov, 1995 in Baku geboren. Seine musikalische Ausbildung begann in Aserbaidschan; später führte ihn sein Weg nach Italien. An der Akademie der Mailänder Scala arbeitete er unter anderem mit Renato Bruson, einem Sänger, dessen Name selbst eng mit der großen italienischen Verdi-Tradition verbunden ist.
Nun stand Huseynov in Salzburg vor Riccardo Muti und mit den Wiener Philharmonikern auf einer der wichtigsten Konzertbühnen Europas. Für einen jungen Sänger ist das keine beiläufige Station, sondern ein Abend, der in einer Karriere lange in Erinnerung bleiben kann.
„Salva me“ – „Rette mich“
Huseynov fiel nicht dadurch auf, dass er versuchte, diesen Abend an sich zu reißen. Gerade das wäre falsch gewesen. Im „Rex tremendae“ bekam sein „Salva me“ – „Rette mich, Herr“ – eine zunehmend konzentrierte Kraft. Sein Bass blieb dunkel und kontrolliert; auch im „Confutatis“ war diese Zurückhaltung zu hören.
Das passte zu Muti. Es gab kein unnötiges Aufdrehen, keinen Wettkampf mit dem Orchester und keinen Versuch, aus jeder Phrase eine Demonstration der eigenen Stimme zu machen. Gerade bei Verdi ist das eine Versuchung, denn eine große Stimme kann sehr schnell beginnen, sich selbst zu präsentieren. Huseynov tat das an diesem Abend nicht.
Das „Libera me“ am Ende
Gegen Ende des Werkes rückte Iwona Sobotka mit dem „Libera me“ ins Zentrum. „Rette mich, Herr“ – derselbe Gedanke kehrt wieder, nun aber mit einer anderen Dringlichkeit. Sobotkas Stimme steigerte sich beinahe zu einem Schrei.
Nach all den großen Klangmassen, den Chorblöcken, dem „Dies irae“, den Bitten und Ängsten steht am Ende wieder der einzelne Mensch. Gerade deshalb trifft Verdis Requiem auch außerhalb eines rein religiösen Rahmens. Am Schluss bleibt nicht eine theoretische Frage über den Tod, sondern die sehr menschliche Bitte, verschont, gerettet, nicht vergessen zu werden.
Muti, 85 – Huseynov, 31
Am Ende des Konzerts ergab sich eine Konstellation, die man nicht künstlich symbolisch aufblasen muss, weil sie von selbst stark genug war. Riccardo Muti ist 85 Jahre alt, blickt auf mehr als fünf Jahrzehnte Salzburg und eine Karriere an den wichtigsten Opern- und Konzerthäusern der Welt zurück und verabschiedete sich nun von Verdis Requiem. Maharram Huseynov ist 31 Jahre alt, wurde in Baku geboren, zwischen Aserbaidschan und Italien ausgebildet und stand nun mit Muti und den Wiener Philharmonikern im Großen Festspielhaus.
Man muss daraus keinen pathetischen „Generationenwechsel“ machen. Das Bild selbst reicht: Der eine kennt diese Bühne seit Jahrzehnten, für den anderen kann ein solcher Abend zu einem jener Termine werden, an die man sich noch viele Jahre später erinnert.
Salzburg zwischen Abschied und Anfang
Als der letzte Ton verklungen war, blieb für mich deshalb nicht irgendeine abstrakte Behauptung über die Ewigkeit der Kunst zurück, sondern etwas viel Konkreteres. Ein alter Maestro hatte ein Werk dirigiert, das ihn über Jahrzehnte begleitet hatte, und wusste, dass er es nicht wieder aufnehmen will. Wenige Meter entfernt stand ein junger Bass aus Baku und sang Verdi unter Bedingungen, von denen viele Sänger am Beginn ihrer Laufbahn nur träumen können. Dazwischen saßen die Wiener Philharmoniker, ein Orchester, das selbst Generationen großer Dirigenten erlebt hat.
So sah dieser Abend aus: nicht wie eine feierlich inszenierte Übergabe, sondern eher wie die bemerkenswerte Überschneidung zweier sehr unterschiedlicher Lebenswege. Für Riccardo Muti war Salzburg an diesem Abend ein Abschied von Verdis Requiem; für Maharram Huseynov war derselbe Abend ein wichtiger Schritt nach vorn. Gerade deshalb blieb er im Gedächtnis.
Quelle
https://www.cumhuriyet.com.tr/pazar-yazilari/salzburg-da-verdi-nin-beni-kurtar-yakarisi-2535227

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Verdis „Rette mich“ in Salzburg: Muti nimmt Abschied vom Requiem 2026
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